Teleologie


Teleologie
Te|leo|lo|gie 〈f. 19; unz.〉 Lehre, dass die geschichtliche Entwicklung von vornherein zweckmäßig u. zielgerichtet angelegt sei; Ggs Dysteleologie [<grch. telos „Ziel, Zweck“ + logos „Wort, Lehre“]

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Te|leo|lo|gie, die; - [zu griech. télos = Ende; Ziel, Zweck u. -logie] (Philos.):
Auffassung, nach der Ereignisse od. Entwicklungen durch bestimmte Zwecke od. ideale Endzustände im Voraus bestimmt sind u. sich darauf zubewegen.

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I
Teleologie
 
[zu griechisch télos »Ende«, »Ziel«, »Zweck« und lógos »Rede«, »Wort«, »Vernunft«] die, -, die Lehre von der Ziel- beziehungsweise Zweckorientierung natürlicher Phänomene und Wesen ebenso wie der menschlichen Handlungen. Während der Begriff der Teleologie spätestens seit I. Kant in den Naturwissenschaften vermieden wird, genießt sie heute v. a. in der angelsächsischen ethischen Diskussion einen hohen Stellenwert.
 
In der antiken Philosophie entstand eine universale, etwa zwei Jahrtausende gültige Theorie der Teleologie in der Natur wie der Ethik - mit dem Ziel der Glückseligkeit (griechisch eudaimonia). Für Aristoteles streben alle natürlichen Dinge nach dem ihnen zugehörigen Ort (oikeios topos) in Nachahmung des Göttlichen. Eine Hierarchie erstreckt sich dabei von den Gestirnen und deren Kreisbewegung bis hinunter zu den Steinen, deren Fallbewegung als Streben nach dem natürlichen Ort der Schwere, dem Erdmittelpunkt, gedeutet wurde (»Physica« II, 8). Die frühe Neuzeit (F. Bacon, G. Galilei, R. Descartes) wandte sich von der teleologischen Betrachtungsweise ab, nicht wegen eines besseren Theoriekonzeptes, sondern aufgrund der Nutzlosigkeit teleologischer Interpretationen für das praktische Ziel, »uns zu Herren und Meistern der Natur zu machen« (Descartes). Die Organismen wurden nur als von Gott gebaute, kunstvolle Automaten angesehen, alle »Teleologie« dagegen in dem interpretierenden Bewusstsein verankert. Der zweite Teil von Kants »Kritik der Urteilskraft« (1790), der sich ausschließlich mit Teleologie beschäftigt, legt den konstitutiven Charakter kausalen Bestimmens dar und grenzt es gegen den nur regulativen Gebrauch der teleologischen Beurteilung ab. Allerdings weist Kant zugleich die Möglichkeit zurück, dass es je einen »Newton des Grashalms« geben könnte, d. h., dass ein Organismus vollkommen kausal erklärbar ist.
 
Während im deutschen Idealismus (v. a. bei F. W. J. Schelling) die Teleologie einen maßgebenden Rang erhielt und später im Neovitalismus (H. Driesch) eine Wiederbelebung versucht wurde, gab die Naturwissenschaft spätestens mit C. Darwins Evolutionstheorie »Teleologie« endgültig auf. Sie erhielt den Status einer vorwissenschaftlichen, heuristischen Annahme, der Anschein teleologischer Phänomene in der Natur wurde durch eine Theorie der Teleonomie zu erklären versucht. Daneben etablierten sich jedoch teleologische Ethiken (v. a. der Utilitarismus), deren Hauptcharakteristikum darin besteht, dass das oberste Ziel moralischen Handelns einen außermoralischen Charakter trägt, wie etwa »Nützlichkeit« oder »Leidenslosigkeit«. Eines der gravierenden Probleme dieser Ethiken ist, dass selbst in sich schlechte Handlungen (als Mittel zu einem Zweck) gerechtfertigt sein können.
 
Im 20. Jahrhundert wurden auch in der Naturphilosophie Versuche unternommen, das Konzept der Teleologie zu rehabilitieren. Diese organischen Naturphilosophien orientieren sich an der eigenleiblichen Selbsterfahrung des Menschen als eines teleologisch angelegten Lebewesens, schließen auf die Gemeinsamkeiten dieser Strukturen mit anderen Organismen und bezweifeln zugleich die universale Gültigkeit des mechanistisch-kausalen Erfahrungs- und Erklärungsbegriffs der Naturwissenschaften. Die Frage nach der Teleologie in der Natur verlagert sich damit auf die Frage, wie der Mensch sich selbst verstanden wissen möchte. Die Alternative ist dann, ob der Mensch die Natur anthropomorph (und damit teleologisch) interpretiert oder ob er sich selbst zum Anthropomorphismus wird; das bedeutet: Entweder es gelingt, das Herrschaftsverhältnis über die Natur in ein gewandeltes Verhältnis von Mensch und Natur zu integrieren, oder der Mensch wird selbst Opfer seiner eigenen Naturbeherrschung (R. Spaemann, R. Löw).
 
 
H. Driesch: Philosophie des Organischen (a. d. Engl., 41928);
 H. Jonas: Organismus u. Freiheit. Ansätze zu einer philosoph. Biologie (a. d. Engl., 1973);
 R. Löw: Die Philosophie des Lebendigen (1980);
 R. Spaemann u. R. Löw: Die Frage Wozu? Gesch. u. Wiederentdeckung des teleolog. Denkens (31991);
 
T. Ein philosoph. Problem in Gesch. u. Gegenwart, hg. v. J.-E. Pleines (1994);
 J.-E. Pleines: T. als metaphys. Problem (1995).
 
II
Teleologie,
 
Auffassung, nach der Ereignisse oder Entwicklungen durch bestimmte Zwecke oder ideale Endzustände im Voraus bestimmt sind und sich darauf zubewegen (im Unterschied zu einer kausalen Erklärungsweise).
 

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Te|le|o|lo|gie, die; - [zu griech. télos = Ende; Ziel, Zweck u. ↑-logie] (Philos.): Auffassung, nach der Ereignisse od. Entwicklungen durch bestimmte Zwecke od. ideale Endzustände im Voraus bestimmt sind u. sich darauf zubewegen.

Universal-Lexikon. 2012.

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